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Der neue Radiomann hört digital


Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
15.07.2008, Nr. 163, S. T2  (Ressort: Technik und Motor)

 

Ein Weltempfänger, der wirklich gut klingt
 
Radiobasteln ist ein wenig aus der Mode gekommen - verständlich, denn die auf die Platinenoberfläche aufzulötenden Bauteile sehen selbst unter der Lupe aus wie Ameisen mit dem bloßen Auge betrachtet; nur dass sie noch mehr Beinchen tragen. Und dann die Frage nach dem Warum. Burkhard Kainka, kreativer Mitarbeiter der Zeitschrift "elektor", schlägt immer wieder neue Funken aus dem Radiobasteln, das er auf intelligente Weise und mit hohem Nutzwert neu interpretiert. Das ist etwa bei seinem Software-defined Radio (SDR) der Fall. Es bezieht seinen Reiz aus dem Faktum, ein preisgünstiger Weltempfänger zu sein, der mit Leistungen glänzt, wie sie anderswo kaum zu finden sind.

Die nur acht mal zehn Zentimeter große Platine lässt sich entweder selbst bestücken, oder man kauft sie anschlussfertig und getestet für 105 Euro bei Elektor. Zum Hörvergnügen reichen ein paar Meter Draht als Antenne. Aber ein PC ist unbedingt erforderlich, denn nur seine Rechenkünste machen die Elektronik zum Radio. Zugleich versorgt seine USB-Buchse den Empfänger mit Strom. Ein weiteres Kabel verbindet den Ausgang des Radios mit dem Eingang der Soundkarte des Rechners. Wer nur den Kopfhörer an die Buchse des Wellenfängers anschließt, hört lediglich das Zirpen des Äthers.

Das liegt an der Zwischenstellung dieses Radios zwischen dem im Ersten Weltkrieg von Edwin H. Armstrong erfundenen, weiterhin aktuellen Superhetprinzip und der kompletten Digitalisierung aller Frequenzen schon von der Antenne an, wie es jüngst der Receiver "Perseus" in ungeahnte Leistungshöhen trieb (F.A.Z. vom 11. März). Das von Kainka entwickelte Radio ist eine Symbiose aus beiden Konzepten. Sein erster Teil arbeitet als Direktmischer. Je nach Abstimmung erscheint jedes Eingangssignal zwischen 30 Kilohertz und 30 Megahertz als komplexes Ausgangssignal. Das digitalisiert die Soundkarte des PC mit mindestens 24 Kilohertz Breite, welche die Software auf dem Display übersichtlich als Spektrum darstellt. Hierzu gibt es eine Reihe gemeinfreier Programme, unter denen uns besonders Sodira von Bernd Reiser gefiel. Mit einem Automatik-Dekoder für digitalen Rundfunk DRM sowie einem Synchrondetektor für verzerrungsarmen Empfang des klassischen AM-Rundfunks ausgestattet, reizt er jeden Welthörer zum genauen Hinhören. Ganz nebenbei macht er beispielsweise auch im Einseitenband-Sprechfunk der Funkamateure deren Unterhaltungen wenigstens akustisch verständlich und entschlüsselt die digitalen Telegramme des deutschen Zeitzeichensenders DCF77 auf 77,5 Kilohertz, der auf Knopfdruck sogar die PC-Uhr sekundengenau mit dem aktuellen Datum und der Atomuhrzeit synchronisiert. Mit dieser Kombination entsteht so viel Radio, wie es sonst nirgendwo erhältlich ist, nachdem Entwicklung und Produktion klassischer Weltempfänger seit ungefähr zehn Jahren ausfadeten.

Der analoge Teil des Radios ist für den Empfang optimiert. Somit werfen ihn starke Signale nicht verzerrend aus der Balance, was er mit einer für starke Sender optimierten Empfindlichkeit zu bezahlen hat - im Tohuwabohu des Äthers ein kluger Kompromiss für die Mehrzahl der Hörer. Trennschärfe und weitere wichtige Eigenschaften - zu denen die Spiegelfrequenzdämpfung zählt - sind von der Soundkarte des Rechners und der Software abhängig. Ist alles im grünen Bereich, übertrifft diese Hardware-Software-Combo das Niveau aller heutigen tragbaren Weltempfänger, wenngleich die Empfindlichkeit hörbar geringer ausfällt. Dass einem dennoch mit wenigen Metern Draht als Antenne die Welt zu Ohren liegt, verdanken wir dem Impedanzwandler in der Vorstufe, der genau für diese etwas hochohmigen Kurzantennen ausgelegt ist und sie nach Art der Aktivantenne auf den üblich-niedrigeren Wert transformiert.

Wir haben mehr als 50 Rundfunksender aus fast allen Erdteilen sowohl in DRM gehört als auch in der klassischen AM-Art sowie in einer besonders eleganten Variante, in der etwa Radio Vatikan energiesparend nur ein Seitenband ausstrahlt. Die Empfangsleistung ist beachtlich und lädt zum Mithören sowie zum Experiment ein. So bringt ebenfalls gemeinfreie Software sogar als Fax gesendete Wetterkarten auf das Display. Wer preiswert ein altes Medium aus neuer Perspektive hören will, für den ist das Elektor-Radio ein Volltreffer. Die Zukunft freilich gehört den komplett digitalisierten Receivern, wie sie schon heute allerdings zum Vielfachen seines Preises angeboten werden. Kainka, der als Radiomann ganz neuer Prägung mehr Ideen als ein digitaler Schaltkreis Anschlüsse hat, wird sicherlich wieder von sich hören lassen. Bis jedoch dieses Zukunftsradio aus dem Rauschen auftaucht, wird sein Elektor-SDR noch hörbar viel Freude machen.

NILS SCHIFFHAUER
 
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